ELISABETH AUGUSTIN

ZUR PERSON | PORTRAITS | ZU SEHEN | ROLLEN | REGIE | PROGRAMME | HOME

Elisabeth Augustin im Interview mit
NEWS Redakteurin Evie Sullivan

Evie Sullivan: Du bist seit vielen Jahren Burgschauspielerin. Wie würdest du deine Stellung am Burgtheater beschreiben?

Elisabeth Augustin: Ich habe meine Leidenschaft, Schauspielerin am Burgtheater zu sein, nie verloren. Ich habe das Gefühl, dass sie sogar immer stärker wird. In der Rezension meines Ein-Personen-Stücks im Vestibül des Burgtheaters, MEZ, wurde ich in der Kronenzeitung eine "moderne Schauspielerin" genannt. Das hat mich sehr gefreut, weil es nach all den Jahren keine Selbstverständlichkeit ist, als modern zu gelten. Ich bin stolz darauf.

Evie Sullivan: Gab es einen Lieblingsintendanten?

Elisabeth Augustin: Nein, weil alle Intendanten zu ihrer Zeit für mein Leben und meine Karriere wichtig waren. Ich schulde Achim Benning den größten Dank, weil er mich ans Burgtheater geholt hat und mich sehr oft besetzte. Claus Peymann hat mir meine ersten Regieaufträge gegeben, und der jetzige Intendant Klaus Bachler ist ein Schulkollege vom Max Reinhardt-Seminar. Er schätzt mich noch aus unseren Anfängerzeiten. Bachler hat mir erlaubt, Aufgaben für mich selbst zu kreieren. Das war ein wichtiger Reifeprozess für mich. Man muss als Schauspieler lernen, aktiv in den Besetzungsapparat einzugreifen, um ausreichend beschäftigt zu sein.

Evie Sullivan: Du hast schon als junge Schauspielerin große Erfolge gefeiert. Man erinnert sich heute noch an deine Maria Theresia in Axel Cortis berühmter TV-Inszenierung. Welche sind deine Lieblingsrollen von damals?

Elisabeth Augustin: Meine Antrittsrollen am Burgtheater und Akademietheater: "Nathalie" im Prinz von Homburg an der Seite von Helmut Lohner, dann "Quendolen" in "Travesties" von Tom Stoppard an der Seite von Michael Heltau, und die "Fanny" in "Liebensgeschichten und Heiratssachen" von Johann Nestroy, an der Seite des Kollegen, der Jahre später der Partner meines Leben werden sollte, Rudolf Melichar.

Evie Sullivan: Dann gab es eine Zeit der Gastspiele. Wo hast du überall gastiert und mit welchen Rollen?

Elisabeth Augustin: Mit dem Burgtheater machte ich mehrere Gastspielreisen ins In- und Ausland, etwa als "Olympia" im gleichnamigen Stück von Franz Molnar, als Partnerin von Karlheinz Hackl. Später gastierte ich an den Münchner Kammerspielen als "Jelena" in Cechovs "Onkel Wanja" unter der Regie von Hans Lietzau, mit Helmut Griem als Astrov.

Evie Sullivan: Du hast am Anfang des Interviews das Ein-Frauen Stück MEZ von Roland Schimmelpfennig erwähnt, das du im Vestibül des Burgtheaters spielst. Worum geht es darin?

Elisabeth Augustin: Eine Frau wird unerwartet von ihrem langjährigen Partner verlassen. In einer Kneipe hat er mit ihr Schluss gemacht. Dafür hat er zehn Minuten gebraucht. Dann ist er verschwunden. Er ist noch einmal kurz aufgetaucht, um ihr ein paar Schleifen zu bringen, die sie einmal in einem Geschäft gekauft hatten. Sie kann das alles einfach nicht fassen. Sie versucht, ihr Leben neu zu ordnen. Noch weiß sie nicht, wo beginnen. Ihre Gedanken sind wie die Schleifen, die nutzlos herumliegen.

Evie Sullivan: MEZ ist ein Monolog für eine Frau unbestimmten Alters. Was hältst du davon, wenn der Autor bei einer Rollenbeschreibung das Alter weglässt?

Elisabeth Augustin: Das ist zur Zeit ein Trend, die alten Gesetze des Stückeschreibens zu brechen. Man gibt keinen Ort, keine Zeit, kein Alter der Figuren an und entfernt sich auch vom klassischen Aufbau, Einleitung, Handlung, Katharsis, Schluss. Autoren schaffen Textflächen, die man nach eigener Dynamik anordnen und einsetzen kann. MEZ ist schon von einem Mann gespielt worden, das geht auch. Heute ist es zeitgemäß zu untersuchen, wie sich ein Mensch verhält, was er in einer bestimmten Situation macht.

Evie Sullivan: Schimmelpfennig ist ein moderner Autor - wie du eine moderne Schauspielerin bist. Was gefällt dir an seinem Stil besonders?

Elisabeth Augustin: Schimmelpfennigs Stil ist filigran und entbehrt jeglicher Mode und gewohnter Optik. Es wird nicht gezetert, nicht geweint, nicht gerührt, nicht spektakulär attackiert, und kein weibliches Klischee wird bedient. Es wird ganz ehrlich in der neuen Wirklichkeit nach einer neuen, eigenen Wirklichkeit gesucht. Das ist ungewohnt. Ich finde es toll, spannend, mutig. Es wird noch eine Weile dauern, bis er sich beim Publikum so durchgesetzt hat, wie z.B. ein Handke oder Thomas Bernhard.

Evie Sullivan: Es heißt immer, dass es für Frauen über 35 keine guten Rollen gibt. Stimmt das?

Elisabeth Augustin: Leider ja. Oder genauer gesagt: Es gibt zu wenig Rollen und darunter zu wenig g u t e Rollen. 70 % des Theaterpublikums sind Frauen. 70% der Rollen in den Stücken sind Männerrollen. Frauen sehen also im Theater hauptsächlich Männer. Wenn es mehr Frauenrollen gäbe, würden vielleicht auch mehr Männer ins Theater gehen.

Evie Sullivan: Hast Du je jemanden gespielt, dessen Schicksal dich so sehr bewegt hat, dass es dein Leben verändert hat?

Elisabeth Augustin: Meine erste und meine letzte Rolle. Meine erste Rolle bekam ich, als ich noch am Max Reinhardt-Seminar in Ausbildung war. Ich spielte im Theater der Courage unter der Direktorin Stella Kadmon die "Hete" in "Cyankali" von Friedrich Wolf. Ein Mädchen stirbt an den Folgen einer Abtreibung einer Engelmacherin. Dieses Stück war damals der Auftakt zur Wiener Frauenbewegung und mein Einstieg dazu. Während ich en suite spielte, wurde ich von einer Art Aufgabenbewusstsein durchdrungen. Später gründete ich am Burgtheater die "Frauen des Burgtheaters". Es schlossen sich von Augustin bis Wessely nahezu alle Schauspielerinnen im Haus dieser Gruppe an, und es gab Aktivitäten in und außerhalb des Hauses.

Evie Sullivan: Und die letzte Rolle, die Frau in MEZ, was hat sie bewirkt?

Elisabeth Augustin: Die letzte Rolle verändert und prägt naturgemäß. Erst holt man alles aus dem eigenen Fundus heraus, was man für die Rolle anzubieten hat. Dann kommen die Vorschläge des Regisseurs, auf die man selbst nicht gekommen wäre. Diese werden von der Dramaturgie des Stückes inspiriert oder entspringen der Vision und Sichtweise des Regiekonzepts und der eigenen Erfahrung des Regisseurs. Während der Arbeit versucht man, beides zu vereinen und herauszubringen. Man rutscht oder schlüpft sukzessive in eine Figur hinein, die man selbst kreiert und die auch von außen modelliert wird. Im Falle MEZ war ich erstaunt, dass der Regisseur Philip Jenkins eine Art "Trancezustand durch Schock" von mir wollte. Das veränderte mich sehr.

Evie Sullivan: Welche Rolle in deiner Laufbahn war die einfachste, welche die schwerste?

Elisabeth Augustin: Maria Theresia war die einfachste. Sie fiel mir vom Himmel in den Schoß. Ich war täglich dran und machte 100 % was der Regisseur sagte. Jede Anstrengung wurde dadurch zum Vergnügen. Axel Corti raunte mir mit seiner schallgedämpften, schönen Stimme die Regieanweisungen ins Ohr, die ich dann während des Spielens immer noch hörte. Manche höre ich heute noch.

Evie Sullivan: Und die schwerste?

Elisabeth Augustin: Die schwerste war der "Tote Sportler Andy" im Sportstück von Elfriede Jelinek unter Einar Schleef. Ich liebte diese Rolle leidenschaftlich und die Sprache der Jelinek. Und ich bebte vor Einar Schleef. Wir alle liebten und fürchteten ihn. Es war schwer, seine Tagesverfassung zu verstehen und seine Wildheit einzuordnen und sein Schreien zu ertragen und seine Existenzialität zu akzeptieren. Er wollte, dass man für das Theater stirbt. Er ist selbst nicht alt geworden, aber er hat eine unerreichte Bühnenoptik und Größe des Theatermachens hinterlassen.

Evie Sullivan: Was ist der verführerischste Aspekt des Schauspielerberufs?

Elisabeth Augustin: Ein Schauspieler verführt das Publikum. Wenn es gelingt, ist es wie ein Rausch. Man schüttet bei einer gelungenen Vorstellung ein Glückshormon aus. Das macht fast süchtig.

Evie Sullivan: Du hast oft und mit großem Erfolg Regie geführt. Siehst du mehr Regieaufgaben in der Zukunft an oder willst du dich wieder intensiver der Schauspielerei zuwenden?

Elisabeth Augustin: Ich mache am liebsten beides. Ich bin Schauspielerin. Als Regisseurin gebe ich weiter, was ich von großen Regisseuren gelernt habe. Das ist eine noble Aufgabe. Ich möchte die ganzen Geheimnisse loswerden, die ich im Laufe der Zeit gesammelt habe.

Evie Sullivan: Sprechen wir ein wenig über die private Elisabeth Augustin. Du bist seit 1981 mit Burgschauspieler Rudolf Melichar verheiratet. Wie ist es, wenn zwei Schauspieler zusammenleben? Kommen manchmal Konkurrenzgefühle auf?

Elisabeth Augustin: Mir ist das nicht aufgefallen. Wir hatten dafür keine Zeit. Wir haben drei Kinder. Unsere Kinder liegen im Alter ziemlich weit auseinander. Wir haben immer noch einen 11-Jährigen im Haus. Einer von uns eilt immer nach Hause, weil ein Kind wartet. Wir haben gelernt, uns bestens zu organisieren und einander gegenseitig zu unterstützen. Wir bringen einander Verständnis entgegen. Vor einer Premiere z.B. ist ein Schauspieler schwer auszuhalten, da ist es aus mit der Ruhe. Es ist eher unüblich, Ehepaare gemeinsam zu besetzen. So kann immer einer kühlen Kopf bewahren.

Evie Sullivan: Du machst einen ruhigen Eindruck. Gibt es etwas, das dir und deiner Familie Harmonie bringt?

Elisabeth August: Ja, das ist unsere Buddhistische Praxis, die ich mit meinem Mann gemeinsam ausübe. Sie hilft uns, eine innere Balance zu halten, durch die wir unser Leben relativ gelassen meistern können.

Evie Sullivan: Wie sieht diese Buddhistische Praxis aus?

Elisabeth Augustin: Wir haben einen Buddhistischen Schrein zu Hause, vor dem wir gemeinsam morgens und abends Nam Myoho Renge Kyo chanten und ein Kapitel des Lotos Sutras rezitieren, der höchsten Lehre Shakyamuni Buddhas.
Informationen unter www.oesgi.org

Evie Sullivan: Gibt es Wünsche, die noch offen sind?

Elisabeth Augustin: Mein Wunsch für die Zukunft ist, dass ich alles, was ich an Talent in dieses Leben mitgebracht habe, voll nützen kann und mein Potential voll ausschöpfen kann. Das wäre wunderbar.

Evie Sullivan: Danke für dieses Gespräch und viel Glück!

^top

 


Elisabeth Augustin im Gespräch
mit Evie Sullivan

 


Foto: Evie Sullivan

 

 

Kontakt: info@elisabethaugustin.com